Vor 100 Jahren: Berner Vorkonferenz der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (IASP)

von Adrian Zimmermann am 7. Dezember 2020

«Des Spiessers Angst» (Peter Bratschi, November 1918)

von Adrian Zimmermann am 4. Januar 2018

Zu den Auslösern und dem Verlauf des Landesstreiks vom November 1918 schrieb der Redaktor der Schweizerischen Metallarbeiter-Zeitung und bekannte Arbeiterdichter Peter Bratschi (1886-1975) ein Gedicht. Es charakterisiert die damalige Haltung der schweizerischen Grossbourgeoisie und ihres kleinbürgerlich-grossbäuerlichen Anhangs sehr anschaulich.

Wie die am 2. Januar 2018 gehaltene unqualifizierte Rede eines bekannten Herrliberger Villenbesitzers über Robert Grimm gezeigt hat, blicken besonders rückständige Elemente aus den herrschenden und besitzenden Kreisen noch 99 Jahre später mit derselben Haltung auf die damaligen Ereignisse zurück.

Auch wenn es nicht so schnell gegangen ist, wie damals viele hofften: Die grossen seither erkämpften Errungenschaften zeigen doch, dass wir bald 100 Jahre später zuversichtlich bleiben können, dass Peter Bratschi auch mit dem letzten Satz seines Gedichts schliesslich Recht behalten wird!

 

Des Spiessers Angst.

(Zur Erinnerung an den Landesstreik am 12. und 13. November 1918.) (1)

 

In Zürichs Katakomben,

Hiess es, da wären Bomben

Und überall im Lande schon

Sah man die Revolution.

Der Bundesrat in seiner Not

Erliess ein Truppenaufgebot.

Das war zur Stunde in der Tat

Aufs Volk das grösste Attentat.

Die Züricher Regierung,

Voll Angst, bar aller Zierung,

Verfolgt von einem bösen Stern,

Sie flüchtet sich in die Kasern‘. –

Mit militär’scher Ehrung

Folgt dort die Darmentleerung. –

Und auch der Spiesser feige Schar

Und alle Hamster sah’n Gefahr.

Schnell holt man Geld noch auf der Bank

Und schliesst es sorgsam in den Schrank.

Erst unter der Soldaten Hut

Bekommen sie nun wieder Mut:

«Der Bundesrat soll leben!

Er hat uns Schutz gegeben.

Nun, tapfere Soldaten,

Zeigt eure Heldentaten.

Jetzt dürft ihr keinen schonen!

Gebt ihnen blaue Bohnen!

Schlagt nieder die Rebellenbrut

Ersäuft das Lumpenpack im Blut!

Die Kosten wird man allzumalen

Mit indirekten Steuern zahlen.»

So quietschen sie nach Noten,

Die mut’gen Patrioten.

Mit Knöpfen in den Zungen

Und ausgeheulten Lungen

Erlebten endlich sie den «Sieg»

So hat der schlimme «Bürgerkrieg»

Gar manchem Qual beschieden

Und auch Hämorrhoiden. –

Und dieser Sieg gefoppter Bauern

Mag eine Weile dauern.

Doch der Ideen Siegeslauf,

Den halten keine Knüppel auf,

Vor unsres Geistes Bajonetten

Kann sich kein Spiesser retten.

Kein Pulver hilft da und kein Blei,

Noch schimmernd Gold, noch Klerisei.

Einst wird auf feur’gen Sohlen

Sie doch der Teufel holen. P.B.

 

Peter Bratschi: «Des Spiessers Angst (Zur Erinnerung an den Landesstreik vom 12. und 13. November 1918)», in: Schweizerische Metallarbeiter-Zeitung 17 (23.11.1918).

Peter Bratschi (1886-1975), Mechaniker, Redaktor, Arbeiterdichter (Schweizerisches Sozialarchiv, Fotoarchiv SMUV)

(1) Der Landesstreik dauerte bekanntlich vom 12. November 1918 (0.00 Uhr) bis am 14. November  1918 (23.59 Uhr). Die fehlerhafte Datierung findet sich indess schon im Originaltitel des Gedichts, weshalb wir sie hier so belassen. Vielleicht könnte sie auch daraufhinweisen, dass Bratschi das Gedicht unmittelbar nach dem Beschluss zum Streikabbruch in der Nacht vom 13. auf den 14. November 1918 verfasste.

8. März 2017: Internationaler Frauentag und 100. Jahrestag der russischen Revolution

von Adrian Zimmermann am 8. März 2017

Eine Hungerdemonstration von Arbeiterinnen stand am Anfang der bedeutendsten sozialen Umwälzung des 20. Jahrhundert, der russischen Revolution. Anlässlich des seit der 2. internationalen Konferenz der sozialistischen Frauen in Kopenhagen 1910 jährlich gefeierten Internationalen Frauentags zogen Arbeiterinnen am 8. März 1917 begleitet von den ausgesperrten und als kämpferisch bekannten Metallarbeitern der Putilow-Werke nach Petrograd (St. Petersburg) und riefen zum Generalstreik auf. Die Truppen weigerten sich, gewaltsam gegen die Proteste vorzugehen und fraternisierten mit den Arbeiterinnen und Arbeitern. Nach nur vier Tagen dankte der Zar ab und wurde von einer vorerst bürgerlichen „provisorischen Regierung“ ersetzt. Die reale Macht lag aber zunehmend beim Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat, der sich während des spontanen Aufstands gebildet hatte. Am 27. März (nach dem julianischen Kalender 14. März) 1917 erliess der Sowjet (russisch für Rat) einen vom Zimmerwalder Manifest inspirierten „Aufruf an die Völker der ganzen Welt“, den Krieg „ohne Annexionen und Kontributionen“ zu beenden und es dem Beispiel der russischen Arbeiterinnen, Arbeiter und Soldaten gleichzutun. Der Aufruf findet sich in einem hier zu findenden Dossier aus dem Archiv des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunds in französischer (S. 6) und deutscher (S. 22 und 24) Sprache. Der 8. März entspricht im damals in Russland noch gebräuchlichen julianischen Kalender dem 23. Februar, weshalb diese Ereignisse als „Februarrevolution“ in die Geschichte eingingen.

100 Jahre später feiern weltweit Millionen den Frauentag und protestieren besonders gegen die vom neuen US-Präsidenten Trump wieder mit schamloser Offenheit propagierte Frauenfeindlichkeit. Trump ist bekanntlich ein grosser Bewunderer Putins. Dieser hat in Russland das demokratisch-sozialistische Erbe der russischen Revolution an den Rand gedrängt. Vielmehr begründet er seine zunehend diktatorische Herrschaft mit einer perversen Mischung aus den erzautoritären Ideologien des Zarismus, der reaktionären Lehren des orthodoxen Klerus und einer beschönigenden Sicht auf die Stalinsche Despotie. Das demokratische Selbstbestimmungsrecht anderer Nachfolgestaaten der Sowjetunion und des syrischen Volkes unterdrückt Putins Regime bekanntlich mit dem mal offenen mal verdeckten, aber immer brutalen und mörderischen Einsatz seiner Kriegsmacht.

Damals wie heute gehören der Kampf für die Rechte der Frauen, der Arbeiterinnen und Arbeiter, für demokratische Freiheitsrechte und den Frieden eng zusammen.

Übersichten zu Aktionen zum 8. März 2017 in der Schweiz finden sich auf der Seite der WoZ und der SGB-Frauen .

Wie der Internationale Frauentag 1917 in der Schweiz gefeiert wurde (aus der sozialdemokratischen Frauenzeitung „Vorkämpferin“ vom April 1917).

 

Die drei Pfeile (Dan Gallin)

von Redaktion am 20. August 2016

Autor: Dan Gallin

Das Zeichen des Oltener Kreises zeigt drei Pfeile in einem Kreis. Für was stehen diese drei Pfeile?
In der Konfrontatation mit dem Faschismus entstand auf sozialistischer Seite ein Zeichen für die Sammelbewegung derjenigen, die Widerstand leisteten: die drei Pfeile. Dieses Symbol des Kampfes gegen den Faschismus wurde 1932 von Serge Tschachotin und Carlo Mierendoff für die Eiserne Front in Deutschland entworfen.
Die Eiserne Front war ein Zusammenschluss paramilitärischer, gegen die Nazis gerichteter Organisationen. Sie wurde 1931 durch die SPD, das katholische Zentrum, die Demokratische Partei und andere Gruppierungen gegründet. Die SPD verfügte damals über eine eigene paramilitärische Organisation, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.
Tschachotin war ein russischer Menschewik, der seit Mitte der 1920er Jahre im deutschen Exil lebte. Dort arbeitete er für die Gewerkschaften und stellte seine Erfahrungen als Psychologe und Propagandist in den Dienst der Sozialdemokratie.
Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 reiste er nach Dänemark aus, um den Kampf gegen den Faschismus fortzusetzen. Nachdem er im Frühling 1934 nach Frankreich gekommen war, organisierte er – bekannt als „Docteur Flamme“ – zusammen mit
Marceau Pivert Grossanlässe und Filmaufnahmen für die französische Sozialdemokratie. Er ist Autor des Buches „Dreipfeil gegen Hakenkreuz“ (1933), das später auch in französischer und englischer Übersetzung erschien. Darin analysiert Tschachotin die Methoden der Nazi-Propaganda und Möglichkeiten, dieser Propaganda entgegenzutreten.
Carlo Mierendorff, aktives Mitglied des Reichbanners und der eisernen Front, wurde 1930 als jüngster sozialdemokratischer Abgeordneter in den Reichstag gewählt.
1933 wurde er verhaftet und in verschiedenen Konzentrationslagern festgehalten, bis er 1938 freigelassen wurde – unter der Bedingung, sich jeglicher politischer Betätigung zu enthalten. Mierendorff schloss sich dem illegalen Widerstand an und wurde einer der wichtigsten Verbindungsmänner zwischen dem sozialistischen und dem militärischen Widerstand. Er kam im Dezember 1943 bei einem allierten Bombenangriff auf Leipzig um.
Dem Symbol der drei Pfeile wurden verschiedene Bedeutungen zugedacht. Tatsächlich handelte es sich in erster Linie um ein Zeichen, das dazu gedacht war, das Hakenkreuz der Nazis auf Mauern und Häuserwänden auszustreichen: Drei dicke Linen, von rechts nach links, von oben nach unten, schnell anzubringen und damit ideal für den Propagandakrieg auf den Strassen. Das war der ursprüngliche Zweck der drei Pfeile.
Die drei Pfeile wurden in den 1930er Jahren in Deutschland von der – von der sozialdemokratischen Opposition verwendet. Auch der spätere illegale Widerstand benutzte das Zeichen, das ab 1932 auch von der österreichischen Sozialdemokratie übernommen wurde. Nachdem diese nach dem verlorenen Bürgerkrieg 1934 ebenfalls in die Illegalität gedrängt worden war, verwendete die sozialdemokratische Linke, reorganisiert als „Revolutionäre Sozialisten“, die drei Pfeile in ihren (illegalen) Publikationen. Nach 1945 übernahm die österreichische Sozialdemokratie die Pfeile als offizielles Abzeichen, ergänzt um einen Kreis, dem Symbol der Einheit der Bewegung.
In Frankreich verwendete die Sozialdemokratie im Seine-Departement, wo die revolutionäre Linke von Marceau Pivert dominierte, ab 1934 das Zeichen der drei Pfeile. Nach 1936 zierten sie die Plakate, Flugblätter und anderes Propagandamaterial der französischen Sozialdemokratie, besonders an der Seine und bei der sozialistischen Jugendorganisation. Nach der Befreiung 1944 schlug die Parteileitung ein neues Symbol vor: die Phrygiermütze (auch Jakobinermütze genannt, damals bereits von den Radikalen verwendet, bis heute übrigens auch von der Schweizer PdA). Dieser Vorschlag setzte sich jedoch nicht durch. Angesichts des parteiinternen Widerstandes kehrte man zu den drei Pfeilen durch. Diese verschwanden erst 1969, mit der Ablösung der alten SFIO (Section française de l’Internationale ouvrière) durch den heutigen Parti Socialiste.
Die SPD und ein wenig später die SPÖ haben die drei Pfeile aufgegeben, um sie durch das plattestmögliche Logo zu ersetzen: die drei Buchstaben der Abkürzung ihrer Parteinamen. Die französische Sozialdemokratie hat sich die Mühe gemacht, ein neues Abzeichen zu entwerfen: die Faust mit der Rose. Trotz weltweiter Verbreitung hat man es in Frankreich später fallen lassen. War die Faust zu aggressiv, die Rose zu rot?
Wie dem auch sei: Wir, die wir auf dem linken Flügel der Sozialdemokratie stehen, ehren den Widerstand, der durch die drei Pfeile symbolisiert wurde und wird: den Widerstand der österreichischen Revolutionären Sozialisten, den deutschen sozialdemokratischen Widerstand, denjenigen der revolultionären Linken innerhalb der französischen Sozialdemokratie. Diese drei Bewegungen stehen hier auch für viele andere. Ihnen zu Ehren verwenden wir das Zeichen der drei Pfeile.
Und, Genossinnen und Genossen: Wenn ihr auf einer Mauer oder anderswo ein faschistisches Symbol, ein Keltenkreuz oder ein Hakenkreuz seht, zögert nicht. Streicht es durch mit den drei Strichen, von rechts nach links, von oben nach unten!
Nie wieder!

Dan Gallin hat diesen Text für den Oltener Kreis linker SozialdemokratInnen geschrieben, der die drei Pfeile in seinem Logo verwendet (Original: Französisch, Übersetzung: Rebekka Wyler)

Fundstück: Origins of the police

von Wolf Stettler am 3. August 2016

Im Nezt habe ich den Beitrag „Origins of the police“ von David Whitehouse gefunden. Er beleuchtet die Anfänge der modernen Polizei in Städten an Beispielen aus London, New York und Charlston.

https://libcom.org/history/origins-police-david-whitehouse

Generalversammlung Oltener Kreis

von Wolf Stettler am 21. Mai 2016

Samstag 21. Mai 2016 um 14:15 in Hotel Bern

Programm

14.15-14.45: Statutarischer Teil

14:45-15:00: Input Michel Berger (10 min.): Gewerkschaftliche Erfahrungen mit Personalvertretungen in Verwaltungsräten öffentlicher und gemischtwirtschaftlicher Betriebe

15:00-15:15: Input Barbara Gysi (10 min.): Das Positionspapier Wirtschaftsdemokratie der SP

15:15-15:30: Input Mattea Meyer (10 min): Wirtschaftsdemokratie als Thema für die SP: Welche Forderungen, Wie weiter?

15:30-16:00: Austausch mit ReferentInnen

16:00-17:00: Generelle Diskussion: Wie weiter mit Wirtschaftsdemokratie innerhalb der SP? Entscheidungen

Annonce de l’Assemblée générale du Cercle d’Olten

von Wolf Stettler am 15. März 2016

L’Assemblée générale 2016 du Cercle d’Olten des socialistes de gauche aura lieu le:

Samedi 21 mai 2016

à 14h15

à l‘Hôtel Bern, Zeughausgasse 9, 3011 Bern

Le thème de l’AG sera la démocratie économique.
L’invitation avec l’ordre du jour suit.

Le comité

Sanders, Clinton und die us-amerikanischen Vorwahlen

von Wolf Stettler am 15. März 2016

Für eine Einschätzung der us-amerikanischen Vorwahlen aus linker sozialdemokratischer Sicht möchte ich den Artikel von Daraka Larimore-Hall, Sekretär der California Democratic Party, in der neusten Ausgabe der Zeitschrift SPW empfehlen:

http://www.spw.de/xd/public/content/index.html?pid=235

Ankündigung der Generalversammlung des OKLS

von Wolf Stettler am 13. März 2016

Die Generalversammlung 2016 des Oltener Kreises linker
SozialdemokratInnen wird am

Samstag, dem 21. Mai 2016

um 14:15 Uhr

im Hotel Bern, Zeughausgasse 9, 3011 Bern

stattfinden. Thema der GV ist die Wirtschaftsdemokratie.
Die Einladung der Mitglieder mit den Taktanden folgt.

Der Vorstand

Nachruf auf Willy Spieler

von Wolf Stettler am 3. März 2016

Am 25. Februar ist unser Genosse Willy Spieler im Alter von 78 Jahren gestorben.

Geboren und aufgewachsen ist Willy Spieler im Kanton Glarus, in einem katholisch geprägten Umfeld. Während seines Studiums der Rechtswissenschaft und Philosophie war er im katholischen Schweizerischen Studentenverein aktiv, den er auch einmal präsidierte. Dem Katholizismus blieb er treu, allerdings änderte sich die Ausrichtung „seines“ Katholizismus grundlegend, hin zu einem befreiungstheologisch geprägten, linken Katholizismus.

Willy Spieler trat in die SP ein und als Redaktor und später Herausgeber der Zeitschrift Neue Wege mischte er sich in theologische und politische Debatten ein und wurde zu einer der prägenden Stimmen des religiösen Sozialismus in der Schweiz. Von 1982 bis 1990 vertrat Willy Spieler die SP im Küsnachter Gemeinderat.Von 1991 bis 2001 war er Zürcher Kantonsrat, ab 1996 präsidierte er die Fraktion der SP.

Im Oltener Kreis hat sich Willy Spieler vor allem zum Thema Wirtschaftsdemokratie engagiert, ein Thema, zu dem er auch in anderen Zusammenhängen viel gearbeitet hat. Und für Willy Spieler gehörte zur Arbeit an einem Thema immer auch die Arbeit an der Sprache, um dem Thema gerecht zu werden. Deshalb waren seine Texte, obwohl komplex, elegant und präzise geschrieben, so dass man sie gerne las und wieder liest.

Willy Spieler war entscheidend an der Neufassung des Programms der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz beteiligt. Und weil ihm (wie vielen anderen) die erste Kurzfassung nicht gefallen hat, hat er (anders als die anderen) eine neue, bessere, geschrieben, die vom Parteitag in Lugano angenommen worden ist.

Wir werden Willy Spieler vermissen, als Freund, Genossen und Publizisten.

Nachruf auf Willy Spieler im PS